Audio-Ritual-System in Massiveiche.

Es fing an mit einem Eichentisch.

Ein Freund war bei mir zuhause, sah den Tisch Der Eichentisch im Gartenhaus und die beiden Möbel im Gartenhaus. Simpel gebaute Stücke, nichts Verrücktes. Aber Massiveiche. Ehrlich. Irgendwann die Frage: "Könntest du eigentlich auch so was für meinen Plattenspieler machen?"

Könnte ich.

I

Zuhören.

Ich bin zu ihm nach Hause. Habe sämtliche Masse aufgenommen — Plattenspieler, Receiver, Sammlung, den Raum. Er hat mir alle Ideen an den Kopf geworfen. Wie er sich das vorstellt, was er hat, wie er es gerne hätte. Eine Ablage für die Plattenhülle, weil er nicht weiss wohin damit. Kopfhörer und Speaker griffbereit. Plattenpflege-Bürsteli und Tuch.

Gleichzeitig habe ich beobachtet. Wie hört er Musik? Was macht er zuerst? Wo stockt sein Ablauf?

Platte rausziehen → Hülle ablegen → auflegen → reinigen → hören → lagern.

Sechs Schritte. Jeder braucht etwas anderes vom Möbel. Daraus wurde nicht eine Wunschliste — daraus wurde eine Architektur.

Wir haben zusammen gebrainstormt. Ich habe geteilt was ich direkt sehe, er hat geteilt was er sich wünscht. Und dann bin ich nach Hause und habe angefangen zu denken.

II

Ein halbes Jahr im Kopf.

Ich habe nicht sofort gebaut. Ich habe nachgedacht. Wochen. Monate. Immer wieder zurückgekommen, weitergedacht, Lösungen gesucht.

Er zeigte mir Referenzbilder Referenzbild Referenzbild Referenzbild Referenzbild. Warm und gemütlich. Minimalistisch. Industrial. Auf den ersten Blick widersprüchlich. Auf den zweiten nicht — das gemeinsame Prinzip dahinter: japanische Listening-Room-Ästhetik. Material das echt ist. Formen die einen Grund haben. Ruhe ohne Langeweile.

Das hat er nie so formuliert. Muss er auch nicht. Dafür bin ich da.

Und dann die technischen Probleme. Das Radsystem zum Beispiel. Er stellt gerne um — mit 30 bis 40 Kilo Platten in der Schublade wird das zur Operation. Also braucht das Möbel Räder. Aber welche?

Hydrauliksystem — zu teuer.
Klappsystem — gibt einen Schlag drauf wenn es bockt. Nicht gut.
Normale Rollen — dann rollt das Möbel unkontrolliert.
Bockrollen mit Bremse — gab es nicht in der Qualität die ich wollte.

Viele Ideen durchgetestet, durchgedacht, recherchiert. Bis ich auf die Lösung kam: Lenkrollen in Custom-Holzblöcke montiert Custom Radsystem — Lenkrolle in Eiche-Holzblock Radführung seitlich liegend Radführung Rückseite fertig. Schwenken blockiert, Bremse funktional. Dazu ein modulares Nivellier-System — Plättchen in verschiedenen Stärken, anpassbar an Boden-Unebenheiten, Fussmaterial, alles.

Nicht weil man das jeden Tag braucht. Sondern damit man es kann, wenn man will. Filzfüsse durch? Runterdrehen. Anderes Fussmaterial, andere Höhe? Anpassen. Gummifüsse statt Filz, 3mm statt 9mm? Kein Problem. Zukunftssicher.

So lief das bei jedem Detail. 10 A4-Blätter 10 A4-Blätter mit Massen, Notizen und Skizzen. 4 davon mit Skizzen. Alles andere: im Kopf. Kein CAD.

III

Prototyp.

Prototyp in Fichte — im Einsatz mit Plattenspieler und Receiver

Dann habe ich angefangen zu bauen. Drei Schubladen Prototyp — Schubladen offen Prototyp — Frontalansicht Prototyp — Detail — eine grosse für die Platten, ein Tablar für den Receiver, den restlichen Platz aufgeteilt, und ein Tablar oben für die Plattenhülle.

Ich habe den Prototyp zu ihm gebracht und eingerichtet. Er hat ihn gut zwei Monate im Alltag getestet.

Sein Feedback: Die grosse Schublade ist zu tief für das was reinkommt — Bürsteli und Tuch brauchen längstens nicht diese Tiefe. Könnte man die aufteilen? Kein Problem. Zwei Schubladen daraus gemacht — direkt umgesetzt.

Und dann kamen die Details die erst im echten Gebrauch sichtbar werden: Ein Stopp beim obersten Tablar, damit die Plattenhülle nicht hinten runterfällt. Eine Kabelführung hinten. Kleine Dinge die den Unterschied machen.

Genau dafür ist ein Prototyp da. Dann habe ich ihn wieder abgeholt und die finale Version gebaut.

IV

Finale Version.

Finale Version in Massiveiche — alle Ebenen, bündig versenkte Fronten

Alles was ich gelernt habe — aus dem Gespräch, aus einem halben Jahr Nachdenken, aus dem Prototyp und seinem Feedback — ist in die finale Version geflossen.

Fünf Ebenen. Ein Ritual.

Ausziehbare Ablage. Für die Plattenhülle. Leitring hinten — sein Feedback, umgesetzt. Einhändig bedienbar. Ausziehbare Ablage mit Leitring Ausziehbare Ablage Seitenansicht

Pflegeschublade. Bürsteli, Tuch, Reinigungszeug. Eigene Schublade — sein Feedback, umgesetzt. Pflegeschublade offen

Receiver-Ebene. Sichtbar, zugänglich. Kabelführung durchdacht. Receiver-Ebene — Blum Movento Vollauszüge sichtbar

Audio-Gear-Schublade. Kopfhörer, Speaker, Ladestation. Strom durchgeführt — alles lädt im Möbel. Audio-Gear-Schublade mit Stromführung

Platten-Schublade. Aktive Sammlung. Raum zum Wachsen. Blum Movento Vollauszüge. Platten-Schublade mit Vollauszug

Auch von ihm kam die Idee mit den Schubladen-Fronten: bündig versenkt Seitenansicht — bündig versenkte Fronten statt nach aussen stehend. Sein Vorschlag — und daraus entstand die ganze Front-Symmetrie der finalen Version. Eine Schublade geschlossen, Receiver offen, Schublade geschlossen, Platten offen, Tablar oben. Rhythmus. Ordnung. Ohne dass man die Schubladen eindrücken muss.

V

Lackieren.

Der Zusammenbau war meditativ. Teil für Teil, Schraube für Schraube, alles fügt sich zusammen.

Das Lackieren war die grösste Herausforderung am ganzen Möbel.

Grundieren geht noch — in zwei Durchgängen, etwas mehr aufgetragen als sonst, angepasst. Aber die finale Lackierung? PU 2K Lack. Wenn du eine Seite machst und danach die andere, darf der Lack nicht auf die bereits lackierte Fläche kommen — sonst wird die Oberfläche grau. Keine zweite Chance.

Also musste ich einen Weg finden, das gesamte Möbel in einem einzigen Durchgang durchzulackieren. Jede Fläche, jede Unterseite Einzelteile vor dem Lackieren. Die Füsse habe ich separat gemacht, dann das Möbel auf Harassen gestellt Möbel auf Lackierständer Schubladen auf Lackierständer und alles in einem Mal gespritzt.

Hat funktioniert.

VI

Was nicht im Briefing stand.

Reversible Rückwand-Tür offen — Kabelzugang und Signatur sichtbar

Manche Probleme sieht man erst wenn man darüber nachdenkt wie jemand mit einem Möbel lebt. Nicht Tage — Jahrzehnte.

Kabel. Die Rückseite von Audio-Möbeln ist immer eine Katastrophe. Also habe ich eine Tür gebaut. Massiveiche, rahmenlos. Aufgeschwungen: kompletter Zugang zu allem dahinter. Zugeschwungen: sieht aus wie eine Front Rückseite geschlossen — sieht aus wie eine Front. Reversibel — links oder rechts montierbar, 30 Sekunden Umbau.

Das Möbel kann jetzt überall stehen. An der Wand. Mitten im Raum. Vor dem Fenster. Von jeder Seite fertig.

Gewicht. Das Radsystem — für die finale Version komplett neu gebaut, weil der Prototyp noch ein anderes System hatte. Wahrscheinlich der Bereich wo am meisten Zeit reingeflossen ist, wenn man Recherche, Tests und Bau zusammenrechnet. Aber jetzt funktioniert es. Und ohne dieses System gäbe es das Nivellier-System nicht, das alles zukunftssicher macht.

Langlebiges Design. Töri-Fronten schützen die Ästhetik. Rahmenlos, clean. Das Möbel sieht in 20 Jahren genauso aus wie heute.

VII

Spezifikationen.

Material~5m² Massiv-Eiche, 19mm
Gewicht Holz~25kg
Totalgewicht~60–70kg (inkl. Beschläge, Mechanik, Radsystem, bestückt)
SchubladenBlum Movento Vollauszüge
FrontenBündig versenkt, Symmetrie offen/geschlossen
RadsystemTENTE Ø75mm, Custom Holzblock-Montage
Kabelführung4cm Platz durchgehend, Frontstäbe bei Platten und Receiver mit 16.5cm Abstand für Symmetrie
OberflächePU 2K Lack
Arbeitszeit150–200 Stunden
Lebensdauer50+ Jahre
VIII

Zuhause.

Das fertige Möbel zuhause — Plattenspieler, Lampe, Receiver, Standlautsprecher

Plattenspieler oben. Kleine Lampe darauf Plattenspieler mit Lampe — Nahaufnahme. Receiver in der Mitte. Platten in der Schublade Plattenhülle auf der ausziehbaren Ablage. Neben den Standlautsprechern, unter der Dachschräge.

Er hat sich riesig gefreut.

Es steht da. Ruhig. Warm. Als wäre es schon immer dort gewesen.

Mein erstes Signature Piece für jemand anderen. Signiert Signatur — Signature Piece 02, F. Rothenbühler, nummeriert. Entstanden aus einem Gespräch, einem halben Jahr Nachdenken, einem Prototyp, ehrlichem Feedback, und dem Anspruch, nichts zu bauen das nicht stimmt.

Was du siehst, ist das Ergebnis.
Was du nicht siehst, ist der Grund warum es funktioniert.

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